Wie lebt es sich im Osten der Republik – 20 Jahre danach?

Tag 2 – Der Sprung aus der Schublade

Posted: Juli 13th, 2010 | Author: Martin | Filed under: Allgemein, Tag 2 | No Comments »

Auf großem Fuß leben ist ja ohnehin unser Motto, dementsprechend große Schritte machen wir. Von Halle nach Leipzig zum Beispiel. Zack! Wer hätte damit gerechnet? Und Surfstick sei Dank können wir auch hier aus dem OIT-Mobil bei gefühlt 250 Sachen beglückt feststellen, dass uns mittlerweile 62 Menschen beobachten. Jippieh! Freude nicht nur, weil das unsere Chancen erhöht, vom ZDF entdeckt zu werden, sondern auch, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass unsere technisch brillanten Videos die ein oder andere Debatte lostreten. Aus diesem Grund werden wir so bald wie möglich einzelne Interviews in voller Länge veröffentlichen, so dass euch beispielsweise Lothars Gedanken zu Marc Aurel nicht vorenthalten bleiben.

Debatte ist das Stichwort, um Debatten soll es letztlich gehen. Debatten standen am Anfang von ostintranslation und werden das hoffentlich auch am Ende tun. Denn während viel über den Osten gesprochen wird und dementsprechend viel Uneinigkeit im Detail herrscht, scheinen die Eckpunkte im Großen und Ganzen klar: Die DDR war ein Unrechtsstaat oder zumindest kein Rechtsstaat, dessen Bürger unfreiwillig hinter einer Mauer gefangen und in Armut und politischer Entmündigung leben mussten. So könnte man – zugegeben etwas zugespitzt – den herrschenden Diskurs umschreiben.

„Was lernt man denn heute so? Was steht denn in Ihren Geschichtsbüchern?“ fragt uns Herr Matzke vor einer guten Stunde.

Wir haben ihn vor der Moritzburg in Halle getroffen. Matzke gibt sich und uns die Antwort selbst: „Heute wird uns immer erklärt, wie wir gelebt haben und wie wir hätten leben müssen.[…] Die Leute kommen hier her in diese 500 Jahre alte Kapelle und fragen, ob wir hier wieder Gottesdienste feiern. Vor der Wende hätten wir ja nicht gekonnt. Das glauben die wirklich!“ Der Gestank, der industrielle Nebel, der habe ihn gestört an der DDR, nicht aber die Politik. Wir werfen uns stumme Blicke zu und glauben, ganz klar zu sehen, wen wir hier vor uns haben.

Nein, er habe seine Kinder nicht zu den Pionieren oder zur FDJ geschickt, er sei in die Kirche gegangen. Er habe problemlos studieren können, er habe „gelebt, geliebt, Kinder gezeugt und Familie gegründet“. Wenn er das öffentlich sage, werde er aber immer gleich schräg angesehen. Schubladen scheinen nicht zu greifen, wir fühlen uns ein wenig ertappt.

Gestern Abend haben wir in der Jungen Gemeinde in Jena gesessen und Lothar, dem Pfarrer, zugehört, der uns von unterdrückter Rebellion in den Siebzigern, von Ulbrichts Propagandamaschinerie und Fußgängern grau in grau erzählt hat.

Und genau darum geht es. Überwachung hier, eine fürsorgliche, fast familiäre Gesellschaft da. Kollektiver Zwang auf der einen, Sicherheit zur individuellen Entfaltung auf der anderen Seite. Mauer hier, Reisen in Richtung Ost da. Einen Weg durch dieses Spannungsfeld zu finden, einen differenzierten Blick zu entwickeln, um allen Beteiligten auf beiden Seiten der alten Zonengrenze den nötigen Respekt zu zollen, ist die Aufgabe. Vielleicht geht ostintranslation ja einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. In Leipzig geht´s großen Fußes weiter.



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