In dem schon mehrfach erwähnten Marken-Eldorado in Elstal trafen wir Silvia in ihrem Crêpes-Auto. Silvia kommt aus Hamburg, hat sich jetzt vor Ort ein Zimmer genommen – “total muffig. Sowas würd´s bei uns nicht geben” - und bereitet Tag ein, Tag aus selbstgemachte Crêpes für zahlende Gäste. Seitdem sie in Elstal ist, hat sie viele arbeitslose Menschen getroffen, denen ganz offensichtlich die Motivation fehlt, sich eine bezahlte Beschäftigung zu suchen. Silvia versteht nicht, warum sie als Hamburgerin in den Osten kommen muss, wenn doch hier so viele Arbeitskräfte sind. Aber seht selbst…
Wie fast schon gewohnt, kommen an dieser Stelle ein paar unbewegte Eindrück der letzten Tage. Wir haben wieder spannende Menschen getroffen, die uns Denkwürdiges mit auf den Weg gegeben haben. Bitte heißen Sie in unserer trauten ostintranslation-Runde willkommen:
Andy (sic!), Dieter, Bucki und Amadeus (der mit Fell). “Bucki, mach mal n paar Eier. Schön bunt!” – ein Satz, der uns begleitet. Mit frischen Eier von glücklichen Tangermünder Hühnern ausgerüstet, sind wir am nächsten Tag in einem überdimenstionierten Shoppingareal in Elstal bei Berlin gelandet.
Die dort ansässige Hamburger Crepes-Verkäuferin Sivia zeigte sich verwundert, über die “Faulheit” der Menschen in Ostdeutschland. Sie müsse extra aus Hamburg anreisen, weil hier einfach niemand vor zehn arbeiten wolle. Wir nehmen das als Position auf und fahren weiter nach Waren an der Müritz, um dort Dirk auf seinem Schiff zu treffen. Dirk bekommt “so´n Hals, wenn die Wessis herkommen, und uns erzählen, wir würden nicht arbeiten”. Auch das eine Position für sich. Das Video ist in Arbeit und gibt bald näheren Aufschluss.
Die folgende Nacht gestaltete sich sehr anspruchsvoll, da der für die Brötchen zuständige ein wenig zu spät feststellte, dass wir über kein Innenzelt verfügen. Entschlossen, sich davon nicht irritieren zu lassen, verbrachten wir den Rest des Abends an bzw. in der Müritz, beobachteten auf dem Rücken schwimmend die Sterne und führten die üblichen hochtrabenden Gespräche, in der Hoffnung vorbei flanierende CamperInnen zu beeindrucken. Die Versuche, im späteren Verlauf der Nacht stark alkoholisiert die Zeltreste zusammenzusetzen, dokumentiert dieses Bild. Sinn und Zweck von Zeltböden wurden uns im Übrigen durch das morgendliche Gewitter nochmal nachhaltig vor Augen geführt.
Und nu? Wir sind in Rostock. Möwen überall. Gefühlt sind wir sehr nah am Meer und damit am Ziel der Reise. Tag 7 wird´s zeigen.
Liebe Freunde, das heutige Resümee fällt verheerend und daher schriftlich aus. Ein Videoabbild unserer Tränen, der cholerischen Anfälle und geistigen Aussetzer der vergangenen Stunden würde alle zukünftigen Bewerbungsgespräche zu Nichte machen. Stichwort B-Profil. Man muss auch langfristig denken, wir hoffen, ihr versteht das.
Die letzten 15 Stunden bestanden mit Ausnahme einer überschaubaren Schlafphase daraus, vor unseren inzwischen glühenden Rechnern zu hocken und auf Schnittprogramme und YouTube zu warten. Leider scheinen sich die beiden ganz gut zu kennen und im Vorfeld diverse Absprachen getroffen zu haben. Wenn nicht gerade die Software hängen blieb – Linus hat das Dessauinterview mittlerweile fünfmal geschnitten – hat YouTube über Stunden von “nur noch weniger als eine Minute” gesprochen. Meist, um danach mitzuteilen, der Upload sei leider gescheitert. So vegetieren wir nach wie vor im Äquatorialklima Ost-Sachsen-Anhalts vor uns hin und warten.
Eine gute Nachricht gibt es allerdings: DJ Andy hat uns in einem ausführlichen Gespräch tiefe Einblicke in sein Leben vor und nach der Wende gewährt. Sein Weg in die Arbeitslosigkeit und seine erstaunliche Fähigkeit, immer wieder aufzustehen und neu anzufangen haben uns sehr beeindruckt. YouTube-Software-Verschwörungen sind im Vergleich dazu verkraftbar. Andys Weg vom DJ, Schiffskochhausmeister, Eisverkäufer, Imbissinhaber und Hamburger Eiscafébesitzer zum selbstständigen Dienstleister könnt ihr schon bald auf ostintranslation.de sehen. Wir müssen den Film nur noch uploaden…
Der Oscar für den schnellsten Schnitt geht an ostintranslation
Wir waren eigentlich nur auf der Durchreise und wollten noch ein paar Eindrücke des multiplen Unesco-Erbes Dessau gewinnen. Zufällig trafen wir Peter Kreßner in einem Ladenlokal der Hochschule Anhalt. Er hörte davon, dass wir Erfurter Studenten sind und so kamen wir ins Gespräch. Er lud uns spontan in seine Bauhaus-Einraum-Wohnung im 5. Stock eines Dessauer Neubaus ein und berichtete von seinem politischen Engagement, seiner Liebe und seiner Liebe zu Dessau.
Das Fazit des zweiten Tages ist irgendwie verschwunden. Mysterious, mysterious. Dafür, meine Damen und Herren, kommt jetzt das Deluxe-Tonfazit von Gestern. Wir waren in Kursdorf und Dessau (Linus kämpft immer noch mit dem Dessaufilm), haben interessante Menschen getroffen und spannende Geschichten gehört. Listen up and give comments!
Kursdorf – ein Dorf umgeben vom Flughafen Leipzig-Halle, flankiert von der Autobahn und einer Bahntrasse. Komfortable Wohnlage? Finden die verbliebenen 26 Kursdorfer auch. Die restlichen etwa 300 Bewohner haben bereits vor Jahren das Weite gesucht. Wir haben uns mit dem Betreiber eines Hotels in Kursdorf unterhalten.
Hier liegt Kursdorf, mittendrin statt nur in der Einflugschneise:
Die Mauer am Ende einer Kursdorfer Straße. Sämtliche Häuser hier stehen leer und warten auf den Abriss. Hinter der Mauer starten und landen die Flugzeuge – in der Nacht deutlich mehr als am Tag.
Warten auf den Bus in Kursdorf. Vergeblich.
Linus hängt am Frieden. Mentaler Abbau in Dessau.
Kurz darauf werden wir von einem freundlichen Dessauer zum Plausch in seine 1-Zimmer-Wohnung eingeladen.
Christian, Jasmin und zwei namenlose Mäuse am Muldestrand. In Dessau gibt es für sie keine Zukunft.
Auf dem Weg nach Hause fangen wir Herrn Matzke vor der Moritzburg ab, um mit ihm über Halle, Fackeln im Industrienebel und die Beurteilung der DDR zu sprechen.
Auf großem Fuß leben ist ja ohnehin unser Motto, dementsprechend große Schritte machen wir. Von Halle nach Leipzig zum Beispiel. Zack! Wer hätte damit gerechnet? Und Surfstick sei Dank können wir auch hier aus dem OIT-Mobil bei gefühlt 250 Sachen beglückt feststellen, dass uns mittlerweile 62 Menschen beobachten. Jippieh! Freude nicht nur, weil das unsere Chancen erhöht, vom ZDF entdeckt zu werden, sondern auch, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass unsere technisch brillanten Videos die ein oder andere Debatte lostreten. Aus diesem Grund werden wir so bald wie möglich einzelne Interviews in voller Länge veröffentlichen, so dass euch beispielsweise Lothars Gedanken zu Marc Aurel nicht vorenthalten bleiben.
Debatte ist das Stichwort, um Debatten soll es letztlich gehen. Debatten standen am Anfang von ostintranslation und werden das hoffentlich auch am Ende tun. Denn während viel über den Osten gesprochen wird und dementsprechend viel Uneinigkeit im Detail herrscht, scheinen die Eckpunkte im Großen und Ganzen klar: Die DDR war ein Unrechtsstaat oder zumindest kein Rechtsstaat, dessen Bürger unfreiwillig hinter einer Mauer gefangen und in Armut und politischer Entmündigung leben mussten. So könnte man – zugegeben etwas zugespitzt – den herrschenden Diskurs umschreiben.
Die Bewegtbilder lassen auf sich warten – daher gibt’s jetzt ein paar Standbilder als Vorgeschmack.
Die drei Flamingos in einer konspirativen Besprechung vor programmatischem Hintergrund
Linus führt das erste Interview mit einem Maitre Kebap in Jena, der seit 15 Jahren im Osten unterwegs ist.
Zwischen “Boomtown” und “Schandfleck”.
Unerwartetes Ende der ersten Schicht: ein ausführliches Gespräch mit Lothar, dem Pfarrer der Jenaer JG, über Walter Ulbricht, römische Dekadenz, Fußgängerzonen vor und nach der Wende sowie das politische Bewusstsein der Menschen.